Redaktion, 01.04.2010
Wie im Kinderhirn die Lesefähigkeit aufgebaut wird
Die Spezialisierung für Schriftzeichen entwickelt sich bereits im Vorschulalter sehr schnell, wenn Kinder die Verknüpfungen von Sprachlauten und Buchstaben trainieren. Das hat ein Forschungsteam am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich und dem Agora Center der Universität in Jyväskylä (Finnland) herausgefunden.

Lesenlernen: Verknüpfen von Buchstaben und Sprachlauten
Das Verknüpfen von Buchstaben (Grapheme) und Sprachlauten (Phoneme) ist in vielen Sprachen der erste und besonders wichtige Schritt beim Lesenlernen. Die meisten Kinder lernen bereits vor der Schule einige Buchstaben kennen und beginnen diese mit Sprachlauten zu verknüpfen. Dass eben diese Verknüpfung bei Kindern, die eine Leseschwäche (Dyslexie, Legasthenie) entwickeln, weniger automatisch abläuft, zeigt sich in verminderten Buchstabenkenntnissen vor der Schule. Folglich starten diese Kinder die Schule auch häufig mit etwas weniger günstigen Vorläuferfertigkeiten für das Lesen.
Buchstabenkenntnisse verbessert
Die Studie unter Leitung von Silvia Brem von der Universität Zürich baut auf diesen Befunden auf: Über 30 Kindergartenkinder mit und ohne familiäres Risiko für Dyslexie haben mit dem computerbasierten Buchstaben-Sprachlaut-Lernprogramm "Graphogame" trainiert, das die Universität Jyväskylä entwickelt hat. Dabei wurde mit Hirnstrommessungen und funktioneller Magnetresonanztomographie erfasst, wie ihr Hirn lernt.
Fast alle Kinder konnten unabhängig vom familiären Risiko ihre Buchstabenkenntnisse innerhalb dieser kurzen Zeit verbessern. Aber auch im Hirn wurde das Lernen sichtbar. Bestimmte Areale im Sehhirn entwickelten durch das Buchstaben- Sprachlaut-Training eine Spezialisierung für Schrift: So zeigten die Kinder eine stärkere Aktivität im Hirn für geschriebene Wörter gegenüber Symbolen, die ihnen gezeigt wurden - obwohl sie auch nach dem Training noch nicht lesen sondern lediglich buchstabieren konnten. Dass diese Gehirnaktivität ein automatischer, schneller und unbewusster Prozess ist, zeigte die Messung der Gehirnströme: Eine Viertelsekunde brauchten die kleinen Studienteilnehmer, um zwischen geschriebenen Wörtern und Symbolreihen zu unterscheiden. Damit waren sie genauso schnell wie Erwachsene und Kinder, die bereits lesen können.
Dyslexie: Leseentwicklung kann unterstützt werden
Damit hat diese Studie erstmals zeigen können, dass die Verknüpfungen von Sprachlauten mit Buchstaben maßgeblich bei der Schriftspezialisierung des Hirns beteiligt ist. Zudem wurde deutlich, dass Kinder mit einer familiären Veranlagung für Dyslexie in ihrer Leseentwicklung durch frühes und gezieltes Training unterstützt werden können. In einer Nachfolgestudie mit mehr Teilnehmenden soll nun untersucht werden, ob das Buchstaben-Laut-Training im Vorschulalter den Kindern mit einem familiären Risiko für Dyslexie wirklich das Lesenlernen erleichtern kann.
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